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Manchmal befindet man sich einfach in der schicklichen wie misslichen Lage, eine Betrachtung seiner Umwelt nicht nur für unerlässlich, sondern auch für persönlich befreiend zu halten. Ein Aufhänger, den man notfalls auch als Anhänger zweckentfremden kann, findet sich immer, sofern man genau genug hinschaut. Genau genug in die Menge von Wahnsinnigen, die unter dem Deckmantel von Individualität eine gesellschaftliche Norm geschaffen haben, der es sich anzupassen oder klar zu verweigern gilt. Wir schreinern Schubladen zur scheinbaren Abgrenzung von Massen und mit dem Strom schwimmender Kiemenatmer, während wir selbst wieder zu einer Schafherde werden, die sich stumpf in die Gegenrichtung ausgerichtet jeglicher Annäherung verweigert.

Unlängst sah ich am Bahnhof eine Gruppe adoleszenter Jugendlicher, die äußerlich in zweierlei Hinsicht Eindruck auf mich machten. Einerseits bedingt durch ihre ungesunde Hautfarbe, die entweder darauf hinweisen mochte, dass man sie zwangsweise zu exzessiver Solariumnutzung verpflichtet oder zu einem Bad in Selbstbräuner verurteilt hatte, andererseits durch ihr lautes Kichern und Schreien, dessen Grund mir aufgrund der Entfernung, ich mag es fast Sicherheitsabstand nennen, verborgen geblieben ist. Jedes Ohr schmückte ein selbstverständlich hochaktuelles Mobiltelefon, wahrscheinlich voller Jambaliebesgedichte und intelligenzinfiltrierender Signaltöne. Auf einschlägigen Internetseiten bekennen sich derlei Jugendliche gern zu ihrem bemerkenswert eindeutigen Kognitivdefizit, indem sie zugeben, „gern Scheiße zu reden, manchmal auch den ganzen Tag.“ Auf die Frage nach Büchern – für all die Leser, die nur durch einen zufälligen Klick auf diese Seite geraten sind, es handelt sich bei Büchern um verbundene Papierblätter, die gewöhnlich mit Buchstaben bedruckt und entweder informierend oder unterhaltend sind ( man verzeihe diese derbe Simplifikation, aber ich befürchte, die Worte Sinnhaftigkeit, Prosa, Lyrik und derlei Absonderlichkeiten könnten die geistig Benachteiligten unter uns in unvorstellbare Sinnkrisen stürzen ) - antworten sie mehrheitlich entweder, man solle sie verbrennen oder – ganz geschickt – mit einer Gegenfrage, die die Hoffnung auf einen Funken Intelligenz im Keim erstickt : „Schwul oder was ?“ Dass „schwul“ heutzutage nicht mehr nur homosexuell bedeutet, dringt in diesen Momenten schmerzlich in mein Bewusstsein, was es allerdings stattdessen bedeuten soll, bleibt tief in den Köpfen dieser Menschen verborgen. Vielleicht auch besser so. Wenn wir doch heute so darum bemüht sind, etwas darzustellen, sollten wir dann nicht die Darstellung jenen überlassen, die wissen, dass ein Nichts zwar hübsch in Szene gesetzt , aber niemals in Gänze überschminkt werden kann ? Schminke. Ein Kapitel, an dem sich unzählige Wissenschaftler bereits ihre zweiten und dritten Zähne ausgebissen haben. Make – Up, Puder und Mascara sind tatsächlich zu puren Selbststilisierungsmitteln verkommen. Mir persönlich gefröre das Blut in den Adern, wenn ich eine Frau zum Abendessen einlüde und ich ihr, bevor ich zum ernsten Teil der Sache käme, zunächst eine meterdicke und beinahe undurchdringliche Make-Up Schicht von ihrem Antlitz spachteln müsste. Und wo entsorgt man von Gesichtern abgekratzte Reste ? In der grünen, der gelben oder der braunen Tonne ? Sind sie wiederverwertbar ?

Nicht zuletzt erkranken wir, bedingt durch einen Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten und erheben unsere scheinbare Krankheit zum Selbstzweck. Sie gibt Halt, Sicherheit und womöglich die Nähe, die zu anderen kaum aufgebaut werden kann. Sie spielt den Vermittler, lässt uns über die Bühne des Lebens tanzen und jedes Straucheln und Fallen mit einer von Fachpersonal gestellten Diagnose begründen, wenn auch nicht sinnvoll in Lehrgeld umsetzen. Wir sterben arm. Arm an Leben, an Farbe, an Witz und an Magie, während wir verzweifelt versuchen, den gegen den Strom schwimmenden Fischen auszuweichen, um uns den Leichen anzuschließen.

15.2.08 23:51
 


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